Der blinde Passagier

Es war ein grauer Junitag im Jahre 2020. Dicke Wolken verdeckten die Sonne und dennoch zog es mich ins Freie. Ich radelte eine kurze Stecke zu einer meiner Schmetterlingswiesen. Vielleicht zeigen sich doch ein paar Schmetterlinge, dachte ich mir. Außer einem Idas-Bläuling und einem Rostfarbigen Dickkopffalter war dann aber nichts zu entdecken. Allerdings blühten die Blumen in den schönsten Farben und so entschloss ich mich, kurzerhand einen kleinen Wiesenblumenstrauß mit nach Hause zu nehmen. Er sollte bunt sein! Aus violetten Luzernen, pinkfarbenen Flockenblumen und gelbem Labkraut entstand ein kleines Sträußchen, das ich vorsichtig in den Korb meines Fahrrades legte und damit nach Hause fuhr.  

 

Daheim drapierte ich das Sträußchen in eine Vase und stellte es in die Küche. Nach zwei Tagen nahm ich es mit auf den Balkon, machte mir eine Tasse Kaffee und setzte mich so hin, dass ich die bunten Blumen im Blickfeld hatte. Plötzlich sah ich, dass sich etwas bewegte. Beim genauen Beäugen entdeckte ich ein Räupchen, das am Labkraut knapperte. Überrascht und hocherfreut über den besonderen Gast überlegte ich mir, was zu tun ist. Ja klar, natürlich muss ich die hübsche Raupe zurück auf die Wiese bringen, sonst wird daraus kein Falter. Rasch machte ich noch ein Foto, damit ich nachher herausfinden konnte, um welche Art es sich handelte.  

 

Mitsamt dem Labkraut gab ich das Räuplein in einen großen Becher und radelte wieder zu meiner Schmetterlingswiese. An der Stelle angekommen, wo ich vor zwei Tagen das Labkraut gepflückt hatte, blickte ich mich zuerst um, ob ich eventuell von einem naschhaften Vogel oder sonst einem gefährlichen Tier beobachtet werde – man weiß ja nie. Dann legte ich sanft den Inhalt des Bechers mitten in diese duftenden, goldgelb blühenden Kräuter. Mit den Worten „viel Glück“ machte ich mich wieder hurtig auf den Weg nach Hause. Ich wollte doch noch herausfinden, wer mein „blinder Passagier“ war. 

 

Schnell wurde ich im weltweiten Netz fündig. Es war eine Schwärmer-Raupe, ein Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum), das hoffentlich das Glück hatte, als Falter in schwirrendem Flug über die Wiesen von Blüte zu Blüte zu eilen, um mit seinem langen Rüssel Nektar zu tanken. 

 

Inge Biller