Eine raue Begegnung

Manchmal frage ich mich, warum ich noch nirgends den Warnhinweis gelesen habe „Achtung! Schmetterlinge gefährden Ihre Freizeit und Ihren Schlaf. Über Risiken und Nebenwirkungen berät Sie weder Ihr Arzt, noch Ihr Apotheker!“  Aber es ist so, den flatterhaften Wesen einmal verfallen, gibt es kein Zurück. Ist man nicht gerade mit der Hege und Pflege von Raupennahrungspflanzen beschäftigt, sprich mit der Kultivierung von Unkraut, das - wohl dem Insektensterben geschuldet - in jüngster Zeit zumindest den abgemilderten Namen „Beikraut“ erfahren durfte, oder dem Sortieren und Bestimmen seiner fotografierten Tierchen, erkundet man alle möglichen Gegenden und Standorte, in der Hoffnung, dass einem vielleicht eine neue, bestenfalls eine seltene Art gnädig gestimmt ist und vor die Linse flattert. So auch an diesem Urlaubstag. Als Ausflugsziel wählte ich die Teichalm, ein wunderschönes Gebiet, etwas überlaufen, aber das sollte mich nicht stören. Ich würde mir einfach eine Route abseits der stark frequentierten Wanderwege suchen.  


Dort angekommen ging ich zuerst den Hauptwanderweg entlang, der wie erwartet äußerst gut besucht war und zweigte bei erstbester Gelegenheit in die einsame Wildnis ab. Ein kurzes Stück wanderte ich auf einem schmalen Pfad durch ein Wäldchen, das an einer steilen Wiese endete, die sich als Weide offenbarte. Die Rinder grasten friedlich am Hang und zeigten kein Interesse an mir, als ich an ihnen vorbei trottete, um auf der Wiese die Schmetterlingsfauna zu erkunden. Ein wunderschönes Plätzchen mit unzähligen Bläulingen aus den unterschiedlichsten Gattungen. Auch die verschiedensten Heuschrecken hüpften vor mir her und ein besonders schönes Exemplar mit roten Schenkeln erregte alsbald meine Aufmerksamkeit. Mit der Kamera im Anschlag verfolgte ich das Tierchen, das wohl beschlossen hatte, es mir nicht leicht zu machen. Kaum war es fokussiert, hüpfte es wieder ein Stück weiter. Das Spielchen endete an einem kleinen Heckenkirschen-Strauch. Mit einem Satz verabschiedete sich die Heuschrecke ins hohe Gras im Wurzelbereich des Strauches. Ich bog die Grashalme vorsichtig zur Seite, um den scheuen Hüpfer eventuell doch noch zu finden, doch ohne Erfolg. Na gut, dann halt nicht! 


Die Temperatur hatte die 30°C-Marke bereits überschritten, schwitzend setzte ich mich in den Schatten des kleinen Strauches, holte meine Trinkflasche aus dem Rucksack und genoss die Aussicht. Als mein Blick über die Zweige der Heckenkirsche streifte, entdeckte ich auf Augenhöhe plötzlich eine große grüne Raupe, die sich genüsslich an den Blättern der Heckenkirsche labte. Ein langer pinker Stachel zierte das Hinterende des Tierchens und mir war klar, ich musste eine Schwärmerraupe vor mir haben. Heckenkirsche plus Schwärmer ergibt Hummelschwärmer wurde mir bewusst. Die bevorzugte Nahrung dieser Schwärmer-Art war genau diese Pflanze. Was für ein Glück! Höchst erfreut machte ich mich daran, die Raupe bildlich einzufangen, richtete meine Kamera und kniete mich neben den Strauch. Der bummelige Vielfraß störte sich nicht an meiner Betriebsamkeit und knabberte hungrig an seinem Blättchen weiter. Von Zeit zu Zeit legte er eine Pause ein und neigte den Oberkörper etwas zurück, die Beinchen vor der Brust wie zum Gebet gefaltet.  Vollkommen konzentriert und entzückt versuchte ich das Tierchen von allen möglichen Seiten abzulichten. Plötzlich fiel ein Schatten auf mein Objekt der Begierde. Seltsam, mir waren kurz zuvor gar keine Wolken aufgefallen. Ich drehte den Kopf zur Seite, um noch einmal den Himmel zu betrachten, doch anstatt in helles Blau blickte ich plötzlich in zwei riesige Glubschaugen. Ach du meine Güte! Da unseren Vierbeinern die Spezies Mensch wohl nur in aufrechter Position ein vertrauter Anblick ist, dürfte ich anscheinend durch meine Herumkrabbelei auf allen Vieren die Aufmerksamkeit eines der Rinder erweckt und völlig versunken im Anblick des Hummelschwärmers dessen Annäherung nicht bemerkt haben. Gut gemacht, darfst stolz auf dich sein! 

Eigentlich mag ich Rinder und habe keine Angst vor ihnen, aber aus meiner Kindheit, die ich größtenteils auf dem Bauernhof meiner Großtante verbracht hatte, wusste ich noch, dass die Tiere manchmal doch recht unwirsch reagieren, wenn sie erschrecken oder sich bedroht fühlen. Und da ich nur ein begrenztes Leben habe, es keinen Reset-Knopf gibt und die Hornspitze eines Wiederkäuers im Nacken nicht ganz oben auf meiner Wunschliste steht, verharrte ich erstmal kniend und wandte meinen Kopf wieder gerade aus. Direkter Augenkontakt konnte womöglich als Konfrontation aufgefasst werden. „Husch, husch, Willi, ab zu deinen Artgenossen“ murmelte ich vor mich hin. „Das Gras ist grün, du willst ja groß und stark werden. Die Mama vermisst dich auch und außerdem ist dort drüben Schatten und hier Sonne und viel zu heiß für dich. Also zieh Leine und ab die Post!“ Ich weiß nicht mehr, was ich ihm sonst noch so alles vorgebetet hatte. Doch Willi der widerspenstige Wiederkäuer dachte nicht daran, meinen Anweisungen zu folgen. Wie angewurzelt stand er da und starrte mich an. Naja, wenigstens starrte er nur und kam nicht auf die Idee mich als Spielgefährtin auf die Hörner zu nehmen. Weiter blickte ich geradeaus und wartete. Irgendwann würde dem Tier die Begutachtung doch wohl hoffentlich zu langweilig werden, so interessant war ich dann auch wieder nicht, versuchte ich mir einzureden. 

Und tatsächlich war es so. Willi hatte das Objekt visuell eingeschätzt, offenbar für tauglich befunden und nun beschlossen, die haptische Inspektion zu starten. Mit seiner rauen großen Zunge begann er meine Wange abzulecken. Autsch, ich kniff die Augen zusammen und ließ die Prozedur widerwillig über mich ergehen, immer noch im Hinterkopf, dass ein plötzliches Aufspringen möglichweise erschreckend auf das Tier wirken könnte. Wahrscheinlich dauerte meine Misere nur wenige Minuten, mir erschien es allerdings wie eine halbe Ewigkeit. Es gibt wahrlich schönere Momente im Leben als von einem Rindvieh als Leckstein benutzt zu werden, unter normalen Umständen lehne ich dankend ab. Aber jetzt war ich in der Zwickmühle...zwischen Willi und dem Hummelschwärmer, denn der hatte mich da reinmanövriert! Nein, es war die hüpfende Heuschrecke. Nein, es war ausschließlich ich selbst. Über Risiken und Nebenwirkungen......
Endlich hatte Willi seinen Salzbedarf gestillt, wandte sich ab und zottelte zufrieden und gemütlich wieder Richtung Herde. 


Langsam richtete ich mich auf, begann meine steifen Glieder zu dehnen und blickte dem Gesellen mit hochroter und brennender Wange erleichtert hinterher. „Tschüss, Willi, ich danke für die Aufmerksamkeit. Und hoffentlich nicht bis bald!!“

ääh...... „Wilhelmine, sorry Wilhelmine !!“ 


Das Heck von Willi hatte eine schicke Kalbin enthüllt. Ein Rind von hinten betrachtet lässt sich geschlechtlich dann doch leichter einschätzen als von Angesicht zu Angesicht.


Sabine Gasparitz (Juli 2022)