Tarnen und täuschen

Es war eine dieser lauen Sommernächte. An Schlaf war nicht zu denken, viel zu warm, also machte ich mich zu einem Spaziergang in den Garten auf, um mich ein wenig abzukühlen und das nächtliche Treiben der Tiere, die man tagsüber nicht zu Gesicht bekommt, zu erkunden. Als mich die Müdigkeit dann doch übermannte, wanderte ich zum Haus zurück, noch völlig entzückt über das nette Igelpärchen, das unter dem Apfelbaum ein Paarungszeremoniell abgehalten hatte, bei dem das Männchen eine ausgesprochene Beharrlichkeit beim Umkreisen seiner Angebeteten an den Tag gelegt hatte, alle Achtung!

An der Eingangstür angelangt, wanderte mein Blick kurz nach oben und weitere Entzückung machte sich plötzlich breit, denn oben an der Lampe saß ein wunderschöner Nachtfalter. Die schneeweißen Flügel zierten viele schwarze Pünktchen und die weißen Härchen am Oberkörper wirkten flauschig wie ein Wattebällchen. Meine Artenkenntnis bei den Nachtfaltern war zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen, aber hier war ich mir sicher, das muss ein Breitflügeliger Fleckleibbär sein, aufgrund seines Aussehens oftmals auch Weiße Tigermotte genannt. Wie schön, bisher hatte ich Bilder von diesem hübschen Nachtfalter nur in Büchern und im Internet bewundert, jetzt hatte ich Gelegenheit selbst eines anzufertigen. Und es sollte ein schönes Bild werden, das hatte sich das reizende Bärchen verdient. 

Meine Müdigkeit war wie weggeblasen, ich eilte ins Haus, holte die Stehleiter, da der Falter doch etwas hoch saß und ich wusste, mit ausgestreckten Händen wird das nichts, da verwackelst du jedes Bild. Die Leiter erklommen, die Kamera um den Nacken gehängt, das Bärchen nun direkt in Augenhöhe. Perfekt! Naja, nicht ganz perfekt, eigentlich nur halb perfekt. Nein, gar nicht gut! Besonders vorteilhaft hatte sich der kleine Kerl nämlich nicht gerade platziert, der rechte Flügel stand windschief zur Seite, was dem Tier ein leicht beeinträchtigtes und gehandicaptes Aussehen verlieh und die Qualität des Fotos doch trüben würde. Es sollte ja ein schönes Bild werden! Was, wenn ich versuchen würde, den Flügel ein wenig zurechtzuschieben? Gedacht, getan.

Vorsichtig näherte ich mich mit der Fingerspitze dem abstehenden Flügel, drei Millimeter nach innen, mehr braucht es nicht, dann wird aus dem Model ein Top-Model. Ich berührte den Flügel und drückte hauchzart zu, ein Millimeter, zweieinhalb Millimeter, ein wenig noch, dann war die optimale Sitzposition erreicht. Doch plötzlich, als wäre eine unsichtbare Hand im Spiel, löste sich der Falter von der Mauer und fiel wie ein dürres Ästchen senkrecht zu Boden. Ach du meine Güte, was war passiert? Runter von der Leiter, den Boden mit der Taschenlampe inspiziert, da lag es nun das hübsche Bärchen, rücklinks, die Beinchen angezogen, das gepunktete Bäuchlein mir entgegengestreckt, leblos und starr. „Ich wollte doch nicht, ich hab es wirklich nicht böse gemeint, ich…“. 
Wohl automatisiert durch meine jahrzehntelange Tätigkeit in der Veterinärmedizin flackerte kurz das Notfallmanagement durch den Kopf: Don‘t panic! Beatmung, Herzmassage, Adrenalindosis berechnen, Venenzugang, …. Wiederbelebung bei einer Motte? Vergiss es du Nuss! 

Schuldbewusst und ziemlich zerknirscht musste ich zur Kenntnis nehmen, ich war zur Bärenmörderin geworden. Mein Atem, meine Hand oder auch schlicht nur meine Anwesenheit hatten dem kleinen Kerl vermutlich einen derartigen Schock versetzt, dass er einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt, einen Genickbruch oder was auch immer erlitten hatte. Das schlechte Gewissen nagte schwer an mir, aber was sollte ich machen, ich musste den Tatsachen ins Auge sehen, der schöne Falter war durch mich den Weg alles Irdischen gegangen, schuldig im Sinne der Anklage. 

Mit einem Seufzer klappte ich die Leiter zusammen und schleppte sie wieder ins Haus. Ein Tag mit Freud und Leid war zu Ende, Zeit ins Bett zu kommen. Einmal noch ging ich zur Haustüre, um das Licht auszumachen, als ich plötzlich im Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Da hatte sich doch am Boden etwas Helles bewegt. Mit der Taschenlampe, die ich immer noch eingesteckt hatte, leuchtete ich an den Ort des Geschehens und traute meinen Augen nicht. Das Bärchen lag nicht mehr auf dem Rücken, sondern hatte sich umgedreht, krabbelte munter und hurtig Richtung Stiege, begann eifrig mit den Flügeln zu vibrieren und entschwand kurz darauf in den dunklen Nachthimmel. 

Ich sehe mich heute noch mit offenem Mund dort stehen und das Licht der Erkenntnis in mich einsickern. Mister Tigermotte hatte mich zum Narren gehalten und war gar nicht tot, er hatte sich nur totgestellt. “Ich bin uninteressant, ich bin ungenießbar, ich lebe nicht mehr, als Beute völlig unbrauchbar, lass die Finger von mir!“


Heute, viele Fleckleibbären später, kenne ich meine Pappenheimer, ihre Tricks, ihre Täuschungs- und ihre Ablenkungsmanöver. Und trotzdem bin ich immer wieder aufs Neue erstaunt über die Strategien, das Abwehrverhalten und die Überlebenstaktiken, die so zahlreich und unterschiedlich sind wie die Tiere selbst. Die einen stellen sich tot, die anderen quietschen und piepsen, spucken Sekrete oder fauchen, schwingen ihre Körper wie eine Schlange hin und her oder zeigen riesige Augen oder gelbe Leiber (Achtung giftig!), wenn sie die Flügel öffnen. Und vieles andere mehr.


Die Natur hält so viel Erstaunliches bereit. Man muss nur gewillt sein, genau hinzusehen. Die Wirklichkeit ist immer noch fantastischer als alle Fantasie!


Sabine Gasparitz(August 2018)